Schule meets Jugendarbeit
– ein Projekt,
das sich seit zwölf Jahren bewährt
Es ist kurz nach halb zwei und das Mittagessen ist gerade vorbei. In der Cafeteria spielen Dennis und Sebastian Kicker, Can und Philipp toben herum und Sonja, Sibylle und Theresa sitzen am Tisch und verspeisen jede ein Stück Käsekuchen, natürlich ohne Sahne.
Die Schüler der 6. Klasse haben noch zehn Minuten
bis ihre Pause vorbei ist. „Dann beginnt Tina mit uns die Hausaufgaben“, sagt
die elfjährige Sibylle. Das Duzen der Kinder gegenüber den Erwachsenen ist hier
normal, denn sie sind ja im Jugendhaus.
„Es fällt nur manchmal schwer“, erzählt Theresa,
„weil wir die Lehrer den ganzen Morgen über siezen müssen. Man muss sich dann
erst an das ‚Du’ gewöhnen.“ Die Mädels sind sich aber einig, dass das ‚Du’ die
Atmosphäre „auflockert“.
Um zwei Uhr beginnen dann in einem separaten Raum,
in dem auch gegessen wird, die Jungen und Mädchen mit ihren Hausaufgaben in
Mathe, Deutsch und Englisch. Der Raum mit den großen Tischen ist eng, „aber mehr
Platz steht uns momentan nicht zur Verfügung“, erklärt Tina Stein. Can wälzt sich noch auf dem Boden rum, da ermahnt ihn seine
Betreuerin und fügt in einem Atemzug hinzu: „Der Geräuschpegel ist hier
phänomenal.“
Im Falkenheim an der Akademiestraße 69 in Bochum
ist Tina Stein Sozialarbeiterin und betreut das Projekt „Kooperation Schule und
Jugendarbeit“.
Can und seine neun
Schulkameraden gehören zu den 25 Schülern der Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule,
die daran teilnehmen. „Die Schüler aus den 5. Klassen kommen immer dienstags
und donnerstags. Diese hier“, und zeigt auf die Gruppe vor ihr, die
Hausaufgaben macht, „sind montags, mittwochs und freitags da.“
Jeden Tag kommen also Schüler der nahgelegenen
Schule ins Jugendhaus. „Immer direkt nach dem Unterricht. Sie bekommen dann
hier Mittagessen. Vegetarier und BSE-Krisen werden bei uns in die Essensplanung
mit einbezogen. Auf religiös bedingte Essgewohnheiten nehmen wir auch
Rücksicht“, erklärt sie. So sitzt Halit, der erst
nach der 7. Stunde aus hatte, noch in der Cafeteria und ist Suppe, obwohl es
eigentlich heute Tortellini in Käse-Sahne-Soße gab.
„Die Eintöpfe und Sauerkraut mögen wir nicht so
gerne“, sind sich die Kinder einig, „aber dafür gibt es dann Pizza, Pommes und
Nudeln“, entgegnet Tina.
Zwei Euro fünfzig beträgt die Umlage und die Kinder
bekommen dafür jeden Tag ein warmes Mittagessen, Nachtisch, Obst und Getränke
„und wenn sie abends noch da sind gibt`s noch ein Bütterchen.“
„Die Umlage geht völlig in Ordnung“, sagt Sibylle`s Mutter. „Für die pädagogische Betreuung würde ich
auch noch Geld ausgeben, da der Staat nicht alles finanzieren kann.“ Denn sie
weiß, dass ihr Kind bei Tina Stein gut aufgehoben ist.
„Das Gute an diesem Projekt ist, dass die Kinder
über Mittag nicht in der Schule bleiben und wir sie hier betreuen können. Das
ist eben der Unterschied zu einer Ganztagsschule“, sagt Tina Stein. „Eine
Schule ist halt eine Schule, auch wenn ich dort keinen Unterricht mehr habe,
sonder Über-Mittag-Betreuung bekomme.“
Der Unterschied ist auch noch an vielen anderen
Punkten auszumachen. Die Kinder können nach der Hausaufgabenbetreuung direkt in
den offenen Bereich des Jugendhauses übergehen. „Wir bieten viele verschiedene
Kurse an und ich kümmere mich persönlich um die Kinder, wenn sie Probleme haben“,
erzählt die Kollegin von Tina Stein.
„Ich bleibe ab und zu mal länger und habe den
Tanzkurs mal besucht“, erzählt Sibylle. „Ansonsten spielen wir noch Verstecken
oder Tischtennis. Mit Freunden treffen, dass lohnt sich danach nicht mehr.“
Generell können die Schulkinder solange bleiben wie
das Jugendhaus aufhat.
„Es sind nicht nur Kinder hier, deren Eltern lange
arbeiten müssen. Wir haben allgemein eine bunte Mischung von Schulkindern in
diesem Projekt.“ Auch Kinder von Immigranten seien nicht mehr als andere in der
Gruppe. Wie bei dieser Gruppe, die immer noch vor uns sitzt und Hausaufgaben
macht. Hier gibt es mit Philipp, dessen Eltern aus Polen kommen, und Halit und Can nur drei Ausländer.
„Wir wählen die Kinder auch sehr genau aus. Ich
spreche zu Beginn des Schuljahres mit den Lehrern über die verschiedenen
Kinder, die einen Platz in diesem Projekt haben wollen. Wir nehmen nur Kinder,
die ihre Lernbereitschaft schon in der Schule zeigen. Mit schlechten Schülern
hat das Projekt keinen Sinn.“
Der Erfolg zeichnet sich hinterher dadurch aus,
wenn die Kinder in die 7. Klasse mit guten Noten versetzt werden und nicht auf
die Hauptschule müssen.
Aber was sagen denn die Schüler? Bringt ihnen diese
Betreuung im schulischen Sinn gesehen etwas, wenn sie eh schon gut in der
Schule sind?
„Hier mache ich wenigstens meine Hausaufgaben. Wenn
ich dienstags und donnerstags nicht hier bin, dann eher unregelmäßig“, sagt
Theresa.
Stolz ist Sebastian, der nach einer Note ‚Drei’ in
Deutsch heute nicht mehr zum Förderkurs musste. „Das hat nur so gut geklappt,
weil Tina das vorher mit mir geübt hat. Wir mussten zu einem Brettspiel eine
Spielanleitung schreiben“, erzählt der Zwölfjährige.
„Es geht ja nicht nur um die schulischen
Leistungen. Es geht auch um die Entwicklung der Kinder“, entgegnet die
Sozialarbeiterin. Das Erlernen von sozialer Kompetenz und das Zurechtfinden in
einer Gruppe seien hier zu erwähnen. „Wenn man den Kindern Menschlichkeit,
Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit beibringen will, ist so `ne Gruppe halt
der richtige Ort“, sagt Tina. „Um ihre Sorgen und Probleme im alltäglichen
Leben, wie Liebeskummer oder Stress mit den Eltern kümmere ich mich aber auch.
Die Kinder haben meine private Handynummer, damit sie mich am Wochenende oder
in den Ferien erreichen können. Denn da reißen ihre Probleme ja nicht ab.“
Tina Stein nimmt deshalb an den Klassen- und
Lehrerkonferenzen teil und steht den Lehrern sowie Eltern beratend zur
Seite.
„Meine Sichtweisen sind ja ganz anders als die der
Eltern oder der Lehrer. Da kann man sich gut ergänzen.“ Und was rät sie den
Eltern dann so? Gibt es schon mal unterschiedliche Meinungen?
“Auch wenn einige Eltern das Problem zuerst nicht
ganz verstehen, so sind sie am Ende dankbar für meine Hilfe. Durch meine
Sichtweise von außen bin ich nicht in das System involviert und kann manche
Probleme viel schneller erkennen.“
Und wie äußert sich die Dankbarkeit?
„Manche Eltern und vor allem die Kinder kommen noch
nach Jahren. Sie vergessen nie den Ansprechpartner. Ich unterliege ja der
Schweigepflicht.“
Der 17-jährige Tobias ist auch jemand, der noch
nach Jahren zu Tina ins Falkenheim kommt. Er ist jetzt in der zehnten Klasse
und sagt über seine Zeit im Projekt „Kooperation Schule und Jugendarbeit“:
„Schulisch gesehen hat es mir auf jeden Fall etwas gebracht. Vor allem die
Hausaufgabenbetreuung war echt gut. Auch der Spaß hat nie gefehlt und bei
anderen Problemen hatte man auch immer einen, der einem zuhört.“ Er wäre auch
gerne länger dort geblieben, „aber das ging leider nicht.“
Die Kinder, die hier sitzen, können laut der
Betreuerin froh sein einen Platz bekommen zu haben, denn die Nachfrage sei sehr
groß.
In Bochum ist dieses Projekt einmalig und in ganz
NRW war es vor zwölf Jahren mit das erste, das als Modellprojekt begonnen hat.
„Unsere Schüler“, so Hermann Päuser,
Direktor der Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule,
„waren auch Besucher des Falkenheims. So lag es nahe mal ein Projekt wie dieses
ins Leben zu rufen.“ Die unmittelbare Nähe des Falkenheims hätte dabei auch
eine wichtige Rolle gespielt. Zum Erfolg des Projektes sagt er: „Wir können
belegen, dass einige der Projekt-Schüler den Realabschluss nicht erreicht
hätten, wenn sie nicht diese Unterstützung durch das Projekt gehabt hätten.“
Für Tina Stein zählt neben dem schulischen Erfolg
auch das gewonnene Vertrauen der Kinder in sie.
„In der fünften und sechsten Klasse bleiben die
Kinder bei mir, einige wie Tobias kommen aber noch nach Jahren. So hat er
letztens erst seine Bewerbung hier geschrieben“, sagt Tina Stein.
Als dann Can und
Sebastian nach einer Pause fragen, bejaht sie, denn „es soll hier halt schon
ein Unterschied zur Schule geben.“